2019-06-26

Wettingen: So machen die Winzer weiter

Die Weinbaugenossenschaft wird nach dem Beschluss an der Generalversammlung liquidiert. Der Wettinger Wein erhält einen neuen Namen.

Bereits am 24. Mai wurde die Weinbaugenossenschaft Wettingen aufgelöst. Fast schon still und heimlich? «Nein», sagt deren ehemaliger Präsident Roland Michel. «Nachdem der Entscheid der Genossenschafter für die Liquidation einstimmig ausgefallen ist, haben wir unsere Kunden darüber informiert».

Auf fünf Hektaren pflegten insgesamt 28 Wettinger Winzer über 25000 Rebstöcke der Sorte Pinot Noir. (Bild zvg)

Mit dem Ende der Genossenschaft endet eine 68 Jahre lang dauernde Ära. Auf fünf Hektaren pflegten insgesamt 28 Wettinger Winzer über 25 000 Rebstöcke der Sorte Pinot Noir. Jedes Jahr wurden rund 30 000 Kilogramm Trauben geerntet, die Meinrad Steimer Weinbau zu rund 40 000 Flaschen Wettinger Wein ausbaute. Noch bis Ende Jahr können Kunden die Produkte der Genossenschaft kaufen, dann ist Schluss.

Eine Nachfolgeorganisation ist aber bereits in den Startlöchern, auch darüber wurden die Kunden informiert. In den nächsten Wochen ist die Gründung einer Aktiengesellschaft geplant. Damit wird sich künftig auch das Bild des Wettinger Weins verändern. Die Weine erhalten neue Etiketten und einen neuen Namen, den Roli Michel gerne verrät: «Der Wein wird Weinstern Wettingen heissen, angelehnt an den Slogan des Dorfes.»

Anders als geplant werden aber nicht alle Winzer der Genossenschaft in der Aktiengesellschaft mitwirken: «Wir wollten eine Firma gründen, bei der alle Wettinger Winzer mit dabei sind und in der sich diese nicht gegenseitig konkurrenzieren», erklärt Michel. Doch sie hätten schnell festgestellt, dass das nicht möglich ist: «Nicht alle waren von dieser Vision begeistert.»

Nicht mehr zeitgemäss
Doch so wie es war, konnte es nicht weitergehen: «Die Genossenschaft ist viele Jahrzehnte wie ein Verein geführt worden», erklärt Michel, «und es gab Vorgänge, da konnten wir nicht beim Status quo bleiben.» Einerseits sei das Wirken in der Genossenschaft sehr eingeschränkt gewesen, ganz entgegen der heute verfügbaren Traubenvielfalt: «In den Statuten ist festgehalten, dass nur Pinot Noir, also Blauburgunder, produziert werden dürfen. Vor 50, 60 Jahren war das vielleicht noch möglich», erklärt Michel, «aber heutzutage ist es schwierig, mit nur einem Produkt zu bestehen.» In der neuen Organisation werde das Portfolio viel breiter sein und nicht mehr starr auf ein Produkt bezogen.

Andererseits hätten sich die Genossenschafter sozusagen selbst konkurrenziert, weil sie ihre Weine nicht nur über die Weinbaugenossenschaft, sondern auch über eigene Vertriebskanäle verkauften. In der neuen Aktiengesellschaft wird das nicht mehr möglich sein, die Hauptaktionäre müssen sich zu 100 Prozent der neuen Firma verpflichten: «Eigene Verkaufskanäle zu erschliessen, wird nicht mehr möglich sein», so Michel. Das sei auch einer der Gründe, warum sich einige der Genossenschafter an dieser Organisation nicht mehr beteiligen wollten: «Sie fühlten sich zu stark eingeschränkt». So will zum Beispiel Christian Steimer, Winzer mit Schweizer-Meister-Titel, seine eigene Firma behalten.

Kellermeister Meinrad Steimer hingegen wird seinen Betrieb in die neue Aktiengesellschaft integrieren. Bis anhin wurden in seinem Keller die Trauben gekeltert, gepresst wurden sie jedoch vorgängig in der Roten Trotte. Von dort mussten diese dann zuerst unter der Strasse durch in den Keller gepumpt werden: «Auch das war einfach nicht mehr zeitgemäss», sagt Michel.

Für die neue Aktiengesellschaft habe man erst eine Lösung in Wettingen gesucht, eine Organisation, die von der Logistik über das Bestellwesen bis hin zur Vermarktung die ganze Produktionskette unter einem Dach vereint, aber am Ende sei man in Würenlingen gelandet: Bei A. Meier & Co., dem Unternehmen von «Weingut zum Sternen»-Inhaber Andreas Meier. Hier hätten sie einen kompetenten Partner gefunden, der bereits viel Erfahrung verfüge und auch andere Winzer der Region mit seinem Dienstleistungszentrum unterstütze.
Für A. Meier & Co. sprachen aber auch tiefere Kosten: «Der Aargauer Weinbau ist in einer Umbruchphase – und wir mittendrin. Als Unternehmen wollen wir betriebswirtschaftlich rentieren», so Michel. Ob der Wettinger Wein mit der Auslagerung dieser Produktionsschritte nichts von seinem Geist verliere? «Das haben wir auch diskutiert», sagt Michel, «aber wir sind ja bei weitem nicht die einzigen, die diese Arbeiten auslagern.» Als Beispiele nennt er Weine aus Tegerfelden oder Birmenstorf, die ebenfalls nicht im Dorf selbst gekeltert werden. «Und verkauft wird der Wein weiterhin in Wettingen.»

«Räbhüsli-Sonntig» bleibt bestehen
Auf die Meldung zur Auflösung der Genossenschaft und die Neugründung einer Aktiengesellschaft hätten die Kunden grundsätzlich positiv reagiert, findet Roli Michel: «Unsere Klienten haben Verständnis dafür, dass wir in modernen Zeiten leben und uns dementsprechend für eine modernere Zukunft rüsten möchten.» Zudem sei auf Anklang gestossen, dass die Kunden zukünftig Kleinaktionäre werden können und einen gewissen Grad an Mitbestimmung erhalten.

Den traditionellen «Räbhüsli-Sonntig», der dieses Wochenende zum 20. Mal stattfindet, wird es weiterhin geben. Zukünftig wird dessen Organisation die Aktiengesellschaft übernehmen. «Auf keinen Fall wollen wir das aufgeben», sagt Michel lachend, «es gibt Wettinger, die richten ihr Hochzeitsdatum danach aus.»

(Quelle: Claudia Laube - az Badener Tagblatt)


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